Ein Kind allein zu erziehen kostet viel Zeit und Kraft

30. September 2021

Gespräch mit Dietlind Wiegmann / 28. September ist „Internationaler Tag Alleinerziehender“

Dietlind Wiegmann möchte ihrer Tochter eine schöne Kindheit ermöglichen. Die kleine Selma ist zweieinhalb Jahre alt, ein fröhliches Kind und ihre Mutter hofft, dass sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Eine besondere Herausforderung ist das für die Leeranerin, weil sie alleinerziehend ist. Darüber erzählte sie uns im Blick auf den „Internationalen Tag Alleinerziehender“ am 28. September.

Angeregt hatte das Gespräch Thekla Behrends, Gemeindehelferin in der Lutherkirchengemeinde Leer und allein erziehende Mutter. Sie betreut das fünfjährige Projekt „Allein erziehend – aber nicht allein“. Unterstützt wird dieses von der Landeskirche Hannovers von April 2020 bis 2025 aus dem Fonds Missionarische Chancen. Thekla Behrends ist für Interessierte unter Telefon 0491-79499720 (AB) zu erreichen.

Dietlind Wiegmann ist konfessionslos, schätzt aber den Austausch mit anderen Alleinerziehenden. Allgemeine Informationen, Tipps und das Sprechen über private Sorgen sowie gegenseitiges Ermutigen sind für sie wichtig. Stolz ist sie darauf, was sie bisher alleine geschafft hat. Sie genießt das Miteinander mit ihrem Kind. „Liebe und Zeit“ seien am wichtigsten, von Letzterem habe sie aber zu wenig, sagt sie. Viele Aufgaben, die sich sonst Eltern teilten, müsse sie allein übernehmen. Für sie sei es ein Spagat, ihrer Tochter gerecht zu werden und gleichzeitig zurück in die Berufstätigkeit zu finden. Sie möchte ihre finanzielle Unabhängigkeit wieder erlangen. Denn diese ermögliche ihr, ihrem Kind etwas zu bieten. Damit meint sie keinen Luxus, aber Möglichkeiten, die der Entwicklung der Kleinen gut tun.

Dietlind Wiegmann genießt das Miteinander mit ihrer Tochter Selma. Als alleinerziehende Mutter ist Zeit für sie besonders kostbar.

Froh ist die alleinerziehende Mutter, dass sie derzeit immerhin mit ihrer Tochter an einem musikalischen Eltern-Kind-Kurs der Kreismusikschule teilnehmen und mit ihr zum Schwimmen gehen kann. Etwas Besonderes sei für sie etwa ein Tierparkbesuch. Für Alleinerziehende seien keine Eintrittsermäßigungen als „Familie“ vorgesehen, meint sie. Als Mutter bringe sie ihrer Tochter die Wertschätzung für die Natur nahe. So freue sich die Kleine, wenn sie Tannenzapfen, Kastanien und Eicheln sammeln oder die Tiere auf den Weiden beobachten könne.

Dietlind Wiegmann ist Diplom-Übersetzerin für Französisch und Spanisch und hat Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert. Die bisherige Selbstständigkeit als Reiseleiterin und Wanderführerin kann sie nicht mehr ausüben. Jetzt strebt sie als Quereinsteigerin das Lehramt an. Dafür muss sie nochmals ab diesem Wintersemester an der Universität in Bremen in Teilzeit studieren. Ohne die Unterstützung ihrer Mutter, die sich in der Zeit um die Tochter kümmert, wäre das nicht möglich. Sie ist ihr sehr dankbar dafür.

Seit April dieses Jahres arbeitet die Hartz-4-Empfängerin als pädagogische Mitarbeiterin an einer Leeraner Realschule. Das Gehalt wird zum Teil mit dem Arbeitslosengeld II verrechnet. „Aber es tat mir gut, wieder eine Arbeit aufzunehmen, auch um aus der sozialen Isolation herauszukommen“, sagt sie. Perspektiven für ihr Leben aufzubauen ist ihr wichtig. „Ich will vermeiden, dass meine Tochter in Kinderarmut gerät und sie stärken“, erklärt sie und fügt hinzu, dass es für sie wichtig sei, eine sinnstiftende Arbeit auszuüben.

Viel psychische Kraft kosteten die 38-Jährige die Auseinandersetzungen um die Vaterschaftsanerkennung. Die junge Frau ist alleinsorgeberechtigt und kümmert sich rund um die Uhr um ihre Tochter. Sie bezieht Unterhaltsvorschuss. Der leibliche Vater, ein Franzose, lebt 1200 km entfernt und sieht seine Tochter selten.

Noch in der Schwangerschaft ist sie nach Leer gezogen, davor hatte sie ihren Lebensmittelpunkt in Erfurt. Mit Hilfe ihrer Familie richtete sich die werdende Mutter ihre Wohnung in Leer-Loga ein. Nach dem Einzug im Januar 2019 kam im März ihre Tochter zur Welt. Als Alleinerziehende hatte sie 14 Monate Elternzeit. Einen Krippenplatz fand sie nicht. Seit September 2020 zahlt ihr das Jugendamt 20 Stunden für die Tagesmutter. Die Möglichkeit, als Vertretungslehrerin an der Schule zu arbeiten, hatte zu diesem Zeitpunkt nicht geklappt.

Die Mutter überlegt gut, wo und wie sie ihr Geld verwendet. Ein eigenes Auto hat sie nicht, nur für ihr Fahrrad einen Kinder-Anhänger. Gesunde Lebensmittel einzukaufen und gut zu kochen ist ihr wichtig. Mit ihrem Kind fährt sie regelmäßig zum Wochenmarkt. „Ich möchte meiner Tochter gerecht werden, aber auch mir selbst“, sagt sie. In einer Mutter-Kind-Kur wurde ihr bewusst, wie wichtig Selbstfürsorge ist, auch wenn es schwierig sei, dies in der momentanen Situation umzusetzen, erklärt die junge Frau. „Ich liebe es, Mutter zu sein, möchte aber auch Frau sein und so gesehen werden“, fügt sie an. Zeitmangel und angegriffene Energieressourcen seien die größten Herausforderungen. Sie müsse im Alltagsleben Prioritäten setzen: was ist wichtig und was kann warten.

Schon ein Friseurtermin oder Sportkurs erweise sich als schwierig, da ein zweiter Elternteil nicht da sei, der die Betreuung der Tochter übernehmen könnte. Am Wochenende werde ihr besonders bewusst, dass sie alleinerziehend ist. Wochenende ist Familienzeit. „Und bei Treffen und Verabredungen mit anderen Paaren und Familien bin ich immer das dritte oder fünfte Rad am Wagen“, fügt sie hinzu. Dabei fehlen ihr insbesondere die soziale Interaktion und interessante Gespräche mit anderen Erwachsenen.

Vermitteln möchte Dietlind Wiegmann ihrem Kind auch ein unvor-eingenommenes Bild von Männern. Leider sei kein Opa in der Nähe und auch männliche Vorbilder fehlten. Die Mutter der Alleinerziehenden wohnt in Leer. Bald soll die kleine Selma bei ihr einmal probeweise übernachten. Dann hätte die junge Frau einmal einen Abend für sich. Was sie sich sonst noch wünscht? „Dass die Gesellschaft mehr anerkennt, was Alleinerziehende leisten!“