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„Ich habe immer gespürt: Da ist was“

29. Juni 2020

Thekla Behrends hätte sich als Alleinerziehende mehr Begleitung von der Kirche gewünscht – dann nahm sie die Dinge selbst in die Hand

„Fang den Tag von heute nicht mit den Scherben von gestern an!“ Es wäre so gut gewesen, wenn ihr das damals jemand gesagt hätte. „Schlepp sie nicht mit dir herum! Denn sie verletzen dich Tag für Tag.“ Thekla Behrends legt den Text des geistlichen Bestsellerautors Phil Bosmans auf den Gartentisch. In ihrem Gesprächskreis für Alleinerziehende hat sie die Worte schon oft verwendet. Den Frauen, die zu ihr kommen, sagt sie: „Wenn ihr nicht beten könnt, dann lest diesen Text.“ Sie selbst hat irgendwann gelernt, Gott die Scherben vor die Füße zu schmeißen.

Die eigenen Scherben. Die Scherben eines zerbrochenen Lebensmodells. 15 Jahre war Thekla Behrends verheiratet, dann kam die Trennung, zwei Jahre später die Scheidung. Seitdem lebt sie mit den beiden Töchtern Lina-Marie (19) und Dora-Sophie (12) in ihrem Eigenheim in einer ruhigen Wohnsiedlung in Leer. Der Ex-Mann wohnt 400 Kilometer entfernt. Nach dem anfänglichen Schock hat sich das Verhältnis wieder gebessert. Und Thekla Behrends hadert nicht mehr mit ihrem Schicksal. Alleinerziehend sein ist für sie kein Makel, „sondern nur eine andere Lebensform“. Doch diese Haltung musste sie sich selbst erarbeiten, mit Gott an ihrer Seite.

Von ihrer Kirchengemeinde, in der sie 20 Jahre ehrenamtlich engagiert war, hätte sie sich mehr Begleitung gewünscht. Sie fühlte sich alleingelassen. Heute ist sie überzeugt: „Gott hat mir das zugemutet, weil er seine Pläne mit mir hatte und ich daran wachsen sollte.“ Als besagte Kirchengemeinde eine Stelle mit fünf Wochenstunden als Gemeindehelferin ausschrieb, bewarb sich Thekla Behrends. Einen Schwerpunkt wollte sie bei der Begleitung Alleinerziehender setzen. Inzwischen fördert die Landeskirche ihr Projekt mit 75 Prozent, Regionalbischof Detlef Klahr hat sich bereit erklärt, die Schirmherrschaft zu übernehmen (siehe Kasten).

Wut und Hilflosigkeit aussprechen

„Ich kann den Frauen niederschwellig helfen, indem ich sie erzählen lasse“, sagt die 51-Jährige. „Sie müssen ihre Wut und Hilflosigkeit aussprechen dürfen.“ Wer sich nicht gleich in der Gruppe öffnen möchte, kann zunächst das Vier-Augen-Gespräch suchen. Thekla Behrends legt Wert auf den Begriff Gesprächskreis, nicht etwa Selbsthilfegruppe. „Das klingt mir zu sehr nach Krankheit.“ Für die Gemeindehelferin geht es dabei letztlich auch um die Zukunft der Kirche. „Die Kirche muss für die Menschen vor Ort da sein.“ Es beeindruckt sie, wenn Pastor*innen ein ausgeprägtes Fachwissen haben, „aber sie müssen auch einen Zugang zum Alltagsleben der Menschen haben“.

Sie selbst sei schon immer ein gläubiger Mensch gewesen, habe das Christsein aber nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Wer hat ihr das Beten beigebracht? Die Frage beschäftgt sie. Sie hat Kindergebete abgespeichert, aber die Eltern können es nicht gewesen sein. „Das spielte bei uns zu Hause keine Rolle.“ Taufe, Konfirmation und andere übliche Traditionen habe man mitgemacht, aber eher, damit die Nachbarn nicht reden. In ihrem Heimatort sei es üblich gewesen, die Kinder zu Hause von einem Pfarrer taufen zu lassen. Thekla Behrends empfand diese Heimlichkeit als mangelnde Wertschätzung.

Auf der religiösen Suche

In der Konfirmandenzeit zeigte sich das junge Mädchen interessiert, ihr Konfirmationsspruch aus der Offenbarung erwies sich als weitsichtig: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr“. Thekla Behrends ergänzt: „Und dazwischen musst du selbst gucken, was du mit deinem Leben anfängst.“ Nach der Konfirmation schloss sie sich einer freien christlichen Gemeinschaft an, worauf die Eltern reagierten, als habe sie sich mit einer Sekte eingelassen. Die Mutter, Hausfrau, und der Vater, Postbeamter, pflegten ein traditionell-konservatives Weltbild – was auch heißt: bloß nicht auffallen. Doch die junge Thekla blieb bei ihrer religiösen Suche. „Ich habe immer gespürt: Da ist was. Ich brauchte Input.“ Dafür wurde es ihr in der freien Gemeinschaft nach einiger Zeit allerdings selbst zu eng. Später erging es ihr dann wie vielen Menschen: Neben Beruf und Ehrenämtern blieb nur noch wenig Zeit für die übergeordneten Fragen. Heimisch wurde sie schließlich in der Luthergemeinde, in deren Einzugsgebiet sie damals wohnte. Nach dem Hausbau 1998 in einem anderen Bezirk ließ sie sich wieder dorthin umpfarren.

Vom eigenen Glauben erzählen

Wie ernst sie ihre eigene Verantwortung zwischen dem A und O nahm, zeigt auch jener Hausbau. Die Verwaltungsbetriebswirtin, die heute im Amt für Teilhabe und Soziales beim Landkreis Leer arbeitet, hat mit 30 Jahren den Grundstückskauf und die Baufinanzierung allein gestemmt. Verheiratet war sie da noch nicht, aber natürlich hatte sie auch nicht an eine spätere Trennung von ihrem Mann gedacht. Heute ist sie froh, dass sie das Haus nicht aufgeben musste. „Ich war immer sehr eigenständig, für mich war auch klar, dass ich durchgängig arbeiten würde.“ Ihre Mutter und eine Tagesmutter halfen bei der Kinderbetreuung. Den beiden Töchtern macht sie deutlich, dass das Leben nur mit einer gewissen Disziplin zu meistern ist: „Ihr müsst eure Kinder ernähren können.“

Die Mädchen besuchen die Freie Christliche Schule Ostfriesland in Moormerland. Sie sollten den christlichen Glauben „nebenbei“ vermittelt bekommen. Ironie der Geschichte: Dora-Sophie hat die erste Phase der Konfi-Zeit vorzeitig abgebrochen: „Das kenne ich doch schon alles aus der Schule.“

„Der liebe Gott hat es gut mit uns gemeint“, sagt Thekla Behrends. Brüche und Scherben gehören dazu. Vielen der Frauen, die ihren Gesprächskreis besuchen, geht es weniger gut. Bei einer Freizeit bastelte sie mit ihnen persönliche Scherbenengel. Sie war selbst erst skeptisch, dann aber doch erstaunt, mit welcher Akribie die Frauen daran arbeiteten. Auch ihnen will sie den Glauben nicht überstülpen. Aber von ihrem Glauben erzählen: dass die Bibel für sie kein alter Schmöker ist, sondern manchmal aktuell wie eine Zeitung, vor allem, was die Nöte der Frauen angeht. „Menschen, die den Glauben annehmen, sind nicht besser, aber besser dran.“ Davon ist Thekla Behrends überzeugt.

Lothar Veit

Ende 2019 hat die Landeskirche das Programm „Allein erziehend – aber nicht allein“ in das Programm „Fonds missionarische Chance“ aufgenommen, das neue Formen der Gemeindearbeit fördert. Bis 2025 fließen jährlich rund 5.600 Euro aus Hannover in die konkrete Arbeit. Schätzungen zufolge gibt es etwa 2.800 Ein-Eltern-Familien im Gebiet der Stadt Leer. Entsprechend kooperiert die Luthergemeinde bei dem Projekt mit vier anderen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden der Stadt. Gerade Ein-Eltern-Familien tragen ein besonders hohes Armutsrisiko – nicht zuletzt die Kinder. Mehr Informationen unter Telefon 0491-79499720 und www.lutherkirche.de.