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„Hurra, wir leben länger!“ – Würde im Alter Fachtag für Ehrenamtliche mit Regionalbischof Klahr

5. Februar 2019

öso. Leer. Ostfriesland. Als Vorsitzender der Ostfriesischen Bibelgesellschaft eröffnete Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr den Fachtag für Ehrenamtliche im Besuchsdienst und in der Altenarbeit in der Lutherkirche in Leer mit einer Andacht. Gemeinsam mit dem Besuchsdienst im Haus kirchlicher Dienste und der Altenseelsorge des Zentrums für Seelsorge in Hannover hatte die Ostfriesische Bibelgesellschaft zu diesem Fortbildungstag für Ehrenamtliche eingeladen.

„Unsere Besuche in den Kirchengemeinden geschehen um des Menschen willen. Im Hingehen zu den Menschen geben wir die Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes weiter, mit der Gott uns in Christus nahe ist“, sagte der Regionalbischof für den Evangelisch-lutherischen Sprengel Ostfriesland-Ems und dankte den 65 Ehrenamtlichen für ihr Engagement im Besuchsdienst.

„Wir sind nicht nur eine einladende Kirche, die andere zum Gottesdienst und Veranstaltungen einlädt, wir sind auch eine hingehende Kirche. Die Besuche sind eine Wertschätzung der Menschen“, sagte Dr. Klahr.

Im Lutherhaus gab es die Möglichkeit zu Information, Austausch, Begegnung und Gespräch. „Besuche gehören zum christlichen Leben in jeder Kirchengemeinde“, sagte Alwin Pfanne, Geschäftsführer der Ostfriesischen Bibelgesellschaft, und überreichte den Teilnehmenden das Buch „Neues Evangelisches Pastorale“ mit Texten, Gebeten und Segensworten, falls bei einem Besuch Gottes Wort gewünscht wird.

Den Hauptvortrag zum Thema „Würde im Alter“ hielt die landeskirchliche Beauftragte für Altenseelsorge. „Im Besuchsdienst sind Sie als Botschafter der Würde des Menschen unterwegs“, sagte Pastorin Anita Christians-Albrecht und tauschte sich mit den Teilnehmenden darüber aus, was zur Würde des Menschen gehöre.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so lautet der erste Artikel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, mit dem 1948, noch unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, die Grundlage des demokratischen Verfassungsentwurfes gelegt wurde. Entscheidend für den christlichen Glauben sei allerdings, dass Gott jedem Menschen seine Würde verleihe, vor aller menschlichen Anerkennung und unabhängig von allen äußeren Bedingungen. Das sei auch im Umgang mit alten Menschen zu beachten.

„Hurra, wir leben länger!“

Deutschland habe die älteste Bevölkerung in Europa und die zweitälteste der Welt, so die Referentin. Durch den demografischen Wandel verschiebe sich das Verhältnis der Generationen. Es gebe immer weniger junge Menschen und immer mehr alte. Das sei eine große Chance, bringe aber langfristig auch gravierende Veränderungen in der Gesellschaft mit sich. So werde sich aufgrund der Altersstruktur die Zahl der Demenzerkrankten in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln und die Organisation der Pflege in den Familien und Seniorenheimen immer schwieriger werden. Die Referentin machte in diesem Zusammenhang auch auf das politische Potential dieser immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe aufmerksam: „Alte Menschen könnten die Politik bestimmen und viel mehr Einfluss auf die Bedingungen des Altwerdens in Deutschland nehmen. Sie werden immer mehr!“

Da sich nach christlichem Verständnis niemand seine Würde verdienen müsse, sondern immer schon Würde habe, könne man akzeptieren, was das Alter mit sich bringe und müsse es mit dem „Anti-Aging“ nicht übertreiben, meinte Christians-Albrecht. Akzeptanz spiele beispielsweise auch im Umgang mit Demenz eine große Rolle. Die Methode der integrativen Validation lege nicht nur einen wertschätzenden Umgang nahe, sondern rate auch, die Welt, in der sich die Erkrankten befänden, „für gültig zu erklären“ (valere) und nicht ständig zu versuchen, sie wieder in die „Realität“ hinein zu holen. Der Umgang mit Demenz dürfte im Hinblick auf das Thema Würde zu einem Prüfstein für unsere Gesellschaft und Kirche werden, gab Christians-Albrecht zu bedenken.

„Würde“ sei ein Beziehungsbegriff. Satt und sauber zu sein, reiche nicht aus. „Würde erfahre ich durch mein Gegenüber, das mich wahrnimmt und sein lässt, wie ich bin“, so die Referentin.

Wichtig sei es auch, selbst auf (ungewollte) Diskriminierungen alter Menschen zu achten und ihnen in Gesellschaft und Kirche entgegenzuwirken.

Und auch eine rechtzeitige Selbstbestimmung habe etwas mit Würde und der Würdigung der eigenen Person zu tun. Eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung könnten dies unterstützen.

Angebote der Landeskirche Hannovers

Die Beauftragte für den Besuchsdienst, Pastorin Helene Eißen-Daub, stellte die Angebote der Landeskirche Hannovers vor, mit denen der Besuchsdienst begleitet werde.

Es gebe 1.000 Besuchsdienstgruppen mit etwa 10.000 Ehrenamtlichen in der Landeskirche, die zu ganz unterschiedlichen Anlässen Besuche abstatten. Zielgruppen sind in erster Linie Geburtstagsjubilare ab 81, Neubürger und Menschen, die einsam und ans Haus gebunden sind.

„Die Einsamkeit nimmt zu in unserer Gesellschaft“, sagte Eißen-Daub. Innerhalb der ersten drei Wochen des neuen Jahres habe es bereits mit neun Anfragen, Besuchsdienste aufzubauen, so viele Anfragen wie noch nie gegeben.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers gibt zweimal im Jahr eine Arbeitshilfe heraus, um mit ihr und 16 begleitenden Seminaren die Besuchsdienstleitungen vor Ort fortzubilden.

Zum Thema, „Wenn Einsamkeit den Tag bestimmt…“, finden jeweils von 14 bis 18 Uhr am 20., 21. und 22. Februar Arbeitskreise zur Besuchsdienstleitung im Gebiet des Sprengels Ostfriesland-Ems in Aurich, Esens und Meppen statt.

Unter der Leitung von Rainer und Edith Gleibs aus Aurich, Käthe Wiemers, Pastor i.R. Armin Reitz aus und Pastorin Helen Eißen-Daub aus Hannover fanden an dem Fachtag fünf Workshops zu folgenden Themen statt: „Vorsorge-/Betreuungsvollmacht, Patientenverfügung“, „Validation-Gesprächsführung mit Dementen“, „Die Würde des Menschen in der Demenz bewahren“. „Die Würde des Menschen im Umgang mit Tod und Trauer bewahren“ und „Der Besuch, der Würde verleiht.“