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Martin Luthers (aktuelle) Kritik am neuzeitlichen Wirtschaftssystem

23. Juli 2016

Vortrag von Heiko Kastner bei der Sommerakademie der Lutherkirche Leer

„Eine rein ökonomische Betrachtungsweise reicht nicht aus, um die Frage der Zukunft der sozialen Marktwirtschaft zu behandeln. Wir müssen eine geistig-spirituelle Auseinandersetzung mit unserem Wirtschaftssystem führen.“ So leitete Diplom-Politologe Heiko Kastner aus Meppen sein Referat über „Martin Luthers (aktuelle) Kritik am neuzeitlichen Wirtschaftssystem“ im Rahmen der Sommerakademie an der Lutherkirche Leer ein. Der Unternehmer und Buchautor aus Meppen machte den 50 Zuhörern deutlich, dass Luther in seiner geistig-spirituellen Beschäftigung den Grundfragen der Herrschaft des Geldes über Arbeit, Mensch und Natur sehr viel näher kommt als heutige Ökonomen. Luther habe die wirtschaftlich-sozialen Umbrüche und den entstehenden Frühkapitalismus seiner Zeit sehr genau wahr genommen. Dabei falle besonders Luthers radikale Zinskritk auf – die, wie Kastner erläutert, an die Tradition des biblischen Zinsverbotes ebenso anknüpfe wie auch auf Jesu Christi Geheiß aus der Bergpredigt („Leiht, wo Ihr nichts dafür zu bekommen hofft“, Lukas 6,35). Das christliche Zinsverbot sei eine der Säulen der biblischen Ökonomie und sei von den Kirchenvätern der frühen Jahrhunderte ausbuchstabiert worden.

„Die Finanzkrise ist eine Krise der Wirtschaftswissenschaft, eine Bewusstseinskrise“, leitete Kastner zur Aktualität Luthers hinsichtlich der heute immer noch ungelösten Finanzkrise und sozialen wie ökologischen Probleme über. Vor den Verwerfungen der Bankenkrise hätten nur sehr wenige Experten gewarnt und diese seien von Ihresgleichen nicht ernst genommen worden. Das Hauptproblem dabei sei, dass die ökonomische Theorie in den gängigen Modellen Grundannahmen voraussetze wie beispielsweise die angebliche Neutralität des Geldes oder aber das sehr einseitige Menschenbild des (egoistischen) homo oeconomicus, die nicht der Realität entsprächen. Die Mainstream-Ökonomik müsse sich, so Kastner, fragen lassen, ob sie bei aller Mathematik nicht vielmehr eine Glaubenslehre ist!

Ganz besonders zeige sich dies bei der zentralen Frage, was Geld eigentlich sei – eine Frage, die, erläuterte Kastner, von der Wissenschaft nur sehr unzureichend beantwortet würde. Kastner führte aus Mit der in der Öffentlichkeit weithin unbekannten „Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken“ würden Banken Geld gleichsam aus dem Nichts schaffen. Das moderne Geld sei nur noch auf Vertrauen, auf Glauben gemünzt – letztlich, da es verzinst auf die Welt komme, auf Glauben an ewiges Wachstum! Dieses überfordere wie sich heute zeige, immer mehr den Planeten Erde wie auch die Menschen im Zwang nach ständiger Produktivitätssteigerung. Letztlich stehe, so Kastner, hinter dieser systematischen exponentiellen Steigerungslogik eine spirituelle Sehnsucht – die Sehnsucht nämlich, die irdischen Grenzen von Zeit und Raum zu sprengen. Zudem führe der exponentielle Wachstumsdruck durch den Zins bei zusehends gesättigten Märkten zu einem immer stärkeren Abfluss des Geldes aus realwirtschaftlichen Kreisläufen hin in den Bereich der Spekulation – zumal über die Konsumentenpreise und die darin enthaltenen Zinsen eine ständige stille Umverteilung hin zu rund 10 Prozent der Bevölkerung erfolge, die leistungslos immer mehr Vermögen anhäuften, während rund 90 Prozent der Menschen in diesem System zu den Verlierern zählten. Immerhin, so Kastner, mache sich bei den gegenwärtig niedrigen Zinsen ein not wendiger, wenn auch für viele zunächst schmerzlicher Bewustseinswandel bemerkbar, dass nämlich die Idee, das Geld könne aus sich heraus mehr werden, sich zunehmend als Illusion entpuppe.

Ein weiteres Problem sei die Struktur der ungleichen Risikoverteilung zwischen Gläubigern und Schuldnern (interessanterweise Begriffe aus theologischen Zusammenhängen). Die Sicherheiten, die Banken für die Geldschöpfung bräuchten, müssten primär von den Kreditnehmern beigebracht werden. Falls diese nicht in der Lage seien, in einer per se unsicheren Zukunft (!) Zins und Tilgung zu erbringen, erfolge die Pfändung und Übertragung von Eigentum. Der Gläubiger erfahre also die höchstmögliche Sicherheit, während der Schuldner das größtmögliche Risiko auf seiner Seite habe – eine Asymetrie, die, so Kastner, beispielsweise Bertolt Brecht zu der provokativen Frage führte: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Geld solle demnach nicht als verzinste Schuld in die Welt kommen, sondern als ein Geschenk – über eine unabhängige öffentlich-rechtliche Instanz („Monetative“), durch welche die Geldschöpfungsgewinne der Allgemeinheit zugute kämen. Die Banken der Zukunft sollten lediglich das sein, als das sie selbst sich präsentieren: Dienstleister für Angebot und Nachfrage von Geld ohne eigene Geldschöpfungsmöglichkeiten.

Der Referent machte deutlich, dass diese Zusammenhänge eben nicht rein technisch zu verstehen seien, sondern tiefe psychologische Muster wiederspiegelten, die von den Religionen seit eh und je verstanden wurden: Es gehe, so Kastner, um das der Zinswirtschaft zugrunde liegende Wertebild von „Egoismus, Angst und Gier“, das bestimmend sei für die Finanzmärkte, aber eben auch für das gängige Kreditwesen. Mit Luther und seinem berühmten Zitat aus dem großen Katechismus („das worauf Du vertraust, das ist Dein Gott“) verdeutlichte Kastner, dass die zentrale Erkenntnis aus der Finanzkrise sei: Der Geist bestimme die Wirklichkeit! Und hier seien Religion und Kirchen aktueller gefordert denn je! Ohne Gott Vertrauen in die Zukunft und in die Menschen gehe es nicht („Gott oder Mammon“… „Seht die Lilien des Feldes, wie sie blühen…“) und das müsse sich in den Aussagen der Kirche zur Geldwirtschaft und den Strukturen des Wirtschaftens niederschlagen.

Dazu zählten Kredite mit einer Gebühr für die Arbeit der Bank, aber ohne Zins, ein Negativ-Zins auf gehortetes Buch- oder Bargeld, so dass Geld wieder mehr zum dienenden Tauschmittel werde und Wachstumszwang sowie die Umverteilungslogik durchbrochen würden. „Wer in Not ist, dem solle geholfen werden“ erinnerte Kastner auch an die Tradition Luthers, da es in den damaligen Reformgemeinden sog. „gemeine Kästen“ gab, aus denen heraus zinslose Darlehen vergeben wurden. Das könnte zum praktischen Vorbild auch in heutiger Zeit herhalten, da manch eine/r sich frage, welchen Beitrag leisteten eigentlich die christlichen Kirchen zu einer Geldwirtschaft, die dabei ist, alles Lebendige einem verabsolutierten Mammon zu opfern.

Im Anschluss an den Vortrag leitete Pastor Christoph Herbold das Auditorium zu drei Arbeitsgruppen über, in denen es zu einem angeregten Austausch über das Gehörte unter verschiedenen Fragestellungen kam.

In seiner Stellungnahme zu den Anfragen und Diskussionspunkten der Kleingruppen erläuterte Kastner noch einmal die grundlegenden theologischen Grundannahmen der traditionellen ökonomischen Wissenschaft und des heute herrschenden Schuldgeldsystems.

Mit Applaus und Leeraner Spezialitäten bedacht wurde der Referent verabschiedet. Die Zuhörer wurden eingeladen, sich durch ihre neuen Erkenntnisse zu einem vertieften Umgang und neuen Entdeckungen, besonders im Blick auf den eigenen Umgang mit Geld, inspirieren zu lassen.

Die Sommerakademie an der Lutherkirche wird am Mittwoch, den 27.07.2016 um 19:30 Uhr mit einem Vortrag der Lutherforscherin Pastorin Dr. Hannegreth Grundmann aus Holtland über das Thema „Gekaufte Gnade?“ Warum mit dem 31.10. die Reformation begann, fortgesetzt.

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BU: (Foto: Hannegreth Grundmann)

Pastor Christoph Herbold (rechts) bedankte sich bei Heiko Kastner für seinen Vortrag im Rahmen der Sommerakademie der Lutherkirchengemeinde in Leer.